Autorenkosmos 2

Der Autor, das unbekannte Wesen

Folgt man der in einschlägigen Online-Literaturkreisen und den Medien überwiegend veröffentlichten Meinung, so hat jeder Autor das unbändige Bestreben, für seine Manuskripte einen Verlag zu finden. Die Werke, die ein independent publisher publiziert – und dann auch noch als E-Books – gelten demnach in der veröffentlichten Meinung als entweder literarisch und/oder handwerklich schlecht oder bestenfalls als Instrument, einen Verlag auf sich aufmerksam zu machen und in seine starken publizistischen Arme aufgenommen zu werden. Erst dann, so scheint es immer wieder durch, ist ein Autor ein echter Autor und erst dann, so wird suggeriert, darf sich ein Autor auch als echter Autor fühlen.

Eine typisch deutsche Mentalität übrigens, bei der eine feste und damit abhängige Beschäftigung deutlich erstrebenswerter scheint, als die berufliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit. In Wirklichkeit aber gibt es Autoren, „Autoren“, autoren und nicht zuletzt AUTOREN, jeder Einzelne – man glaubt es kaum – eine eigenständige Persönlichkeit mit speziellen Fähigkeiten und Unvermögen, mit mehr oder weniger Phantasie, mit mehr oder weniger Selbstbewusstsein, Selbstdisziplin, Lernbereitschaft- und –fähigkeit, Sozialisation, Vorgeschichte, individueller Lebenssituation und persönlichen Interessen. Und die alle sollen ausgerechnet in einem hochkreativen und differenzierten Bereich wie der Literatur dasselbe – nämlich einen Verlagsvertrag – wollen?

Das Konzept Autor

Bei näherer Betrachtung ist es alles andere als einfach, die typischen Bedürfnisse, Motivationen und Interessen eines Autors zu definieren. Meine Grundansätze von denen ich hier ausgehe sind daher folgende:

1) Ein Autor hat das dringende Bedürfnis, zu schreiben. 2) ein Autor möchte aus genau diesem Grund von seinem Schreiben leben können. 3) Dafür benötigt er ausreichend Leser/Käufer seiner literarischen Produkte. 4) Für diese benötigt der Autor geeignete Publikations- und Vertriebsmöglichkeiten.

Der Verlagsvertrag als vermeintliches Primärbedürfnis jedes Autors stammt vor diesem Hintergrund aus einer Zeit, in der der Zugang des Autors zu seinen Lesern ausschließlich über die Publikations- und Vertriebsmöglichkeiten eines etablierten Verlages gewährleistet war. Aber auch in jener Zeit gab es bereits Autoren, die – aufgrund eigener Erfahrungen bei den Vorgaben der etablierten Verlage hinsichtlich Titel, Lektorat, Layout und der mangelnden Mitspracherechte sowie der Vernachlässigung der deutschsprachigen Background-Autoren gegenüber den einzelnen, massiv vermarkteten Spitzenkollegen (oft genug englischsprachige Erfolgsautoren)  – nach Alternativen gesucht, und den einen oder anderen Klein- bzw. Autorenverlag gegründet haben (übrigens die traditionelle Indie-Welle). Damit möchte ich an dieser Stelle gar nicht den Gegensatz zwischen etablierten Verlagen, Kleinverlagen  und independent publishern kultivieren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass dem Wesen und den Bedürfnissen des Autors mit einer jeweils eindimensionalen, eher propagandistischen Betrachtung (das gilt für alle Parteien des Literaturschlachtfeldes) nicht beizukommen ist.

Ein echter Autor aus traditionell-industrieller Sicht

In der allgemeinen, traditionell geprägten Vor(urteil)stellung scheint es nur wenig Ideen vom Zugang zum Literaturmarkt und dem Ausleben der Schreib- und Mitteilungssucht zu geben.

– Da gibt es den gestandenen Erfolgsautor, der scheinbar schon immer professionell geschrieben hat und aufgrund der massiven Marketingkampagnen etablierter und  Großverlage als echter Schriftsteller begriffen wird.

– Dann kommt der eher weniger erfolgreiche Großverlagsautor, von dem aber ebenfalls angenommen wird, er sei „gestanden“ und könne davon leben.

– Als Zwischengruppe bestenfalls noch die Klein- und Spezialverlagsautoren, die gut genug für einen Verlag, aber nicht gut genug für die etablierte Spitzenklasse scheinen.

– Na ja, und dann eben die mit dem Begriff Indie belegten, jene also, die unbedingt schreiben wollen, die aber noch kein Verlag entdeckt hat (die aber davon träumen), nie ein Verlag entdecken wird (und die deshalb auf Verlage schimpfen), Hobbyschreiber eben, Naivlinge, die mal ganz groß rauskommen möchten und dabei einen möglichst einfachen Weg suchen. Möchtegernschriftsteller, denen es vor allem um persönliche Anerkennung, den schnellen Euro und weniger um Literatur geht. Und ja, so die politisch korrekte Haltung der Indie-Gegner, im Einzelfall mag es da auch eine noch unentdeckte literarische Perle geben, die in dem ganzen Müll zu finden, dem Leser aber zu mühsam ist.

Die Legende von der Normautorenkarriere

Tatsächlich darf davon ausgegangen werden, dass in irgendeiner Art und Weise so ziemlich jeder ernsthafte Autor mit dem „Hobbyschreiben“ angefangen hat. Die einen haben mit größter Hingabe ihre persönlichen Tagebücher gefüllt, andere ihre geduldige Familie bereits in der Kindheit mit mehr oder weniger genialen Gedichten malträtiert, wieder andere haben ihre Schülerzeitung mit allerlei Lesenswertem gefüllt und schließlich gibt es noch Menschen, die Literatur und/oder Publizistik studiert haben, nur um irgendwie auch beruflich mit der geliebten Schrift und Sprache in Kontakt zu bleiben. Keiner dieser Hintergründe führt natürlich automatisch zum Schreiben eines Buches und dem Bedürfnis, es zu publizieren. Und nicht jeden, der Bücher liebt, drängt es auch dazu, gleich selbst eines zu verfassen. Diejenigen, die es tun, haben aber ganz unterschiedliche Beweggründe, Kompetenzen und damit auch ganz unterschiedlichen Bedarf an Kooperationspartnern und Dienstleistungen.

Ausgewählte Optionen

Einer dieser Kooperationspartner ist zweifellos der etablierte Großverlag bzw. der Verlag einer Verlagsgruppe. Interessant vor allem für jene Autoren, die bereits beruflich erfolgreich sind, einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, sich neben Beruf, Schreiben und Alltag nicht mit der Produktions- und Vermarktungsmaschinerie abgeben möchten und aufgrund ihres Standings davon ausgehen dürfen, dass sie auch einen Schwerpunkt des Verlagsmarketings darstellen. Zudem darf der Autor zugunsten literarischer Stromlinienförmigkeit dort durchaus ein marktorientiertes Lektorat erwarten. Keine Frage, die in diesem Zusammenhang gewährten Honorarvorschüsse und Tantiemen, die relative Freistellung von den Niederungen des Publikationsgeschäftes müssen in der Regel durch gewisse inhaltliche und stilistische Kompromisse seitens des Autors ausgeglichen werden, es sei denn, das Genreschreiben für den ökonomischen Mainstream ist auch das (völlig legitime) zentrale literarische Anliegen des Schriftstellers.

Autoren, die besonderen Wert auf ihre literarische Identität legen, die sich aber mit Produktion und Marketing nur bedingt beschäftigen möchten (auch hierfür gibt es übrigens nicht nur einen, sondern wie bei allen anderen Aspekten auch viele mögliche Gründe), sind unter anderem bei guten Kleinverlagen und vor allem gruppenunabhängigen Verlagen (oft Genrespezialisten) in der Regel durchaus gut aufgehoben. Auch hier gibt es in dem einen oder anderen Hause KollegInnen, die von ihrem literarischen Schaffen durchaus leben können und denen sich dann auch die Tore zu den Großen öffnen. Nicht jeder geht aus guten persönlichen Gründen am Ende dort auch hindurch.

Unabhängigkeit muss sich der Autor immer selbst erarbeiten

An den beiden Beispielen wird bereits deutlich, was ein Autor (abgesehen vom literarischen Handwerkzeug natürlich) grundsätzlich für seinen wie auch immer definierten Erfolg benötigt: Produktionsdienstleistungen wie Coverdesign, Layout, Satz; Korrektorat und Lektorat; Produktionsmöglichkeiten wie Buchdruck, print on demand oder Schreib- und E-Book-Konvertierungsprogramme; möglichst breit aufgestellte Distributionsmöglichkeiten wie Online- und traditioneller Buchhandel und natürlich Marketing, Kontakt zu Multiplikatoren wie Medien, Blogs, social networks etc.. Das alles gibt es (im Idealfall!) bei Verlagen, das alles lässt sich aber heute auch (gewisse Eigenkompetenzen vorausgesetzt) problemlos und verhältnismäßig günstig zusammenkaufen. Und wer sich – aus welchen Gründen auch immer – mit Layout, Covergestaltung, Satz und anderem auskennt und auch noch Spaß daran hat, kann mittels kostenloser Programme und Instrumente tatsächlich nahezu kostenlos ein überzeugendes literarisches Werk nach seinen individuellen Vorstellungen erstellen und erfolgreich auf den Markt bringen – der Traum eines jeden Literaten (behaupte ich jetzt einfach mal).

Publizistische Freiheit und Literaturqualität  – für Autoren kein zwangsläufiger Gegensatz

Um hier nicht missverstanden zu werden, es ist kein Muss, sondern eine Option für Autoren, die beispielsweise aus ihrer beruflichen Vergangenheit oder ihres professionellen persönlichen Umfeldes heraus, in der Lage sind die entsprechenden Angebote auch angemessen im Sinne eines individuellen und marktfähigen Produktes zu nutzen. Und so treiben sich im independent publishing zunehmend auch Autoren herum, die allein aus Neugierde, Experimentierfreude und beispielsweise dem Bedürfnis, zurück zum Buch als kreatives Gesamtwerk zu kommen, neben ihren Büchern bei klassischen Verlagen die neuen Möglichkeiten des unabhängigen (aber im Einzelfall dennoch professionellen) Publizierens ausprobieren. Entgegen der von interessierter Seite gepflegten landläufigen Meinung steht also nicht immer der schnöde Mammon oder Geltungssucht von Untalenten bei den Indies im Vordergrund, manchmal geht es einfach nur um Literatur und manchmal sogar ganz bewusst um ein ganzheitliches Werk.

Jeder Autor ist anders

Der geneigte Leser wird vielleicht bereits jetzt eine Vorstellung bekommen haben, wie wenig öffentlichkeitswirksam propagierte einfache Wahrheiten der Realität des Buchmarktes und der Autorenpersönlichkeiten nahekommen können. Erweitern wir den Horizont noch um die verschiedenen Literaturarten wie die unterschiedlichen Genres der Belletristik, des Sachbuchs, Fachbuchs und ihrer jeweiligen Zielgruppen und Makrtbesonderheiten, dann wird die ganze Geschichte mit  den Autoren und ihren Bedürfnissen und Notwendigkeiten noch weitaus Komplexer. Und es ist kein Zufall, dass sich auch der Markt der Publizierer und Dienstleister immer stärker verändert, um echte neue Angebote oder auch nur alten analogen Wein in neuen digitalen Schläuchen erweitert, mehr oder weniger brauchbare Autorenratgeber vielfachen Absatz finden und so manch ein pfiffiger Geschäftsmann versucht, unerfahrenen (und deshalb noch lange nicht schlechten) Schreibern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Es gibt aber gemeinsame Interessen

An der Vielfältigkeit der Autorenpersönlichkeiten und ihrer Interessen hat sich übrigens seit es Literatur gibt, gar nichts geändert, wohl aber an den Möglichkeiten für den Einzelnen, diesen Interessen unabhängig nachzugehen. Für die Autoren in ihrer Gesamtheit ein Vorteil, den sie für sich nutzen sollten, solange die Strukturen noch offen und in Bewegung sind. Für die Leser in jedem Fall ein Gewinn, denn die Chance über den mainstream hinaus günstig interessante Literatur zu entdecken, neue Anregungen zu finden, waren durch die offenen Publikationsmöglichkeiten, die einen gewissen Druck auch auf die traditionellen Buchmarktsegmente ausüben, noch nie so groß wie heute. Und jeder Autor tut gut daran, sich aufgrund vermeintlich professioneller Meinungen weder ins Bockshorn noch in irgendein Lager jagen zu lassen. Es ist die freie, der jeweiligen persönlichen Interessenlage entsprechende Auswahl, die den echten independent publisher ausmacht, egal ob er bei einem Verlag oder in Eigenregie publiziert oder – man höre und staune – je nach Bedarf beides gleichermaßen macht. Für einen Autor gibt es am Ende keinen Grund, sich auf die Seite irgendeines der konkurrierenden Literaturmarktlager zu schlagen, außer in sein eigenes.

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