Leseprobe aus „Der Wilde Kater“

„Leise schlich der Kater durch das geheimnisvolle Labyrinth aus hohlen Decken und Wänden des alten Hauses. Und bald witterte er seine neue Beute. Diese Beute hatte ihn noch nicht einmal bemerkt. Mit großen Augen fixierte er sein Opfer und brachte seinen Körper in den richtigen Spannungszustand. Und dann, wie von einer Feder geschnellt flog der Kater auf sein Opfer zu. Er schlug seine Krallen in den Körper seiner Beute, die gequält aufschrie.
Am nächsten Morgen hatten seine ungebetenen menschlichen Gäste, Gesichter und Arme mit vielen Verbänden und Pflastern ausgestattet, ihre Sachen gepackt und waren für immer verschwunden. Nur Katers Abschiedsgeschenk, die fette Ratte, hatten sie zurückgelassen.

Monate später kamen neue Gäste auf des Katers Hof. Der Makler führte sie herum und wurde nicht müde, die Vorzüge der alten Gemäuer anzupreisen. Die Menschen waren schnell begeistert und hatten nur noch eine Frage: „warum haben die Vorbesitzer den Hof eigentlich verlassen?“
Der Makler warf einen verlegenen Blick auf den Kater, der mitten auf dem Hof saß und die Neuankömmlinge aus zusammengekniffenen Augen abschätzend fixierte. „Persönliche Gründe“, murmelte er, „rein persönliche Gründe.“ Und dann fügte er hinzu: „Mögen Sie eigentlich Katzen?“
„Aber natürlich mögen wir Katzen“, antwortete die junge Frau, die mit ihrem blümchengemusterten Kleid und dem Kopftuch aussah, wie ihre eigene Großmutter, begeistert, „Wir mögen alle Tiere, wir lieben sie“, sagte sie stolz. „Wir sind aktive Mitglieder im Tierschutzverein und in Naturschutzorganisationen und“, fügte sie mit einem entschlossenen Blick hinzu, der keinen Widerspruch oder Zweifel duldete, „wir sind durch und durch ökologisch!“
„Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen“, Die beiden jungen Leute bemerkten nicht den Spott in der Stimme des Maklers.
Der hagere junge Mann mit den bequemen Hosen, dem weiten Hemd, dem Rauschebart und den hinten zusammengebundenen, langen Haaren, die ihn als kreativ, naturverbunden und vor allem ökologisch auswiesen, öffnete die Heckklappe des alten Volvo-Kombi. „Komm, Paulchen, schau Dich mal auf unserem neuen Hof um“, sagte er, „und bestimmt kannst Du Dich auch gleich mit der netten Katze dort anfreunden.“ Aus dem Auto sprang ein quirliger Hund, eine fröhliche, strubbelige Promenadenmischung aus Schnauzer und sonst was.
„Oh, mein Gott“, stöhnte der Makler und wurde bleich. „Keine Sorge“, meinte der junge Mann stolz, „der Hund kennt Katzen und er will nur spielen. Es passiert schon nichts.“
Und ob etwas passierte. Denn noch einmal ließ sich der Kater nicht überraschen. Wie zu erwarten, stürmte der fröhliche Hund, der mit Sicherheit das Vierfache des Gewichtes des großen Katers auf die Waage brachte, sofort auf den Kater zu und forderte ihn mit wedelndem Schwanz, einem kurzen Bellen und mit ausgestreckten Vorderpfoten zum Spielen auf.
„Du willst spielen?“ fauchte der Kater und sprang mit einem Satz auf den überraschten Hund zu, „na gut, dann sei mein Mäuschen.“
Und ehe der Hund sich´s versah, fuhren die wehrhaften Pfoten des Katers kreuz und quer über sein Gesicht. Jaulend verkroch sich Paulchen hinter seinem Herrchen, während der Kater mit hochaufgerecktem Schwanz aufreizend langsam über den Hof schlenderte, sich nur wenige Meter weiter wieder niederließ und begann, sich ausgiebig zu putzen.
Die beiden jungen Leute trösteten ihrem Hund ausgiebig und der kleine Jan-Niklas, der inzwischen auch aus dem Auto geklettert war, fragte, als der den fast hasserfüllten Blick sah, den seine Mutter auf den Kater richtete: „Ist das eine böse Katze?“
Die Mutter riss sich zusammen. „Nein, Tiere sind nicht böse. Wahrscheinlich hat sie mal schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht.“
„Außerdem“, der Vater fühlte sich bemüßigt, sein angelesenes tierisches Fachwissen an den Sprössling zu vermitteln, „außerdem sprechen Hunde und Katze eine unterschiedliche Sprache. Sicherlich hat die Katze nicht verstanden, dass Paulchen nur spielen wollte und Angst bekommen.“
Jan-Niklas schaute den Kater aufmerksam an, wie er dort ein paar Meter weiter selbstbewusst mitten auf seinem Hof saß. „Vielleicht hatte sie ja auch nur keine Lust, zum Spielen.“
Vater wollte noch einmal erklären, wie Hund und Katze nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ticken, erklären, dass die Katze einfach Angst gehabt hatte und dies war ihre Reaktion. Andere Katzen wären eben auf einen Baum geflohen. Aber Mutter brachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick zum Schweigen: „ja, wahrscheinlich hatte sie nur keine Lust.“
Jan-Niklas, bar jeder wissenschaftlichen Tierkenntnisse war der Wahrheit wohl näher gekommen als seine Eltern. Denn der Kater hatte keine Angst, wovor auch. Es war auch nicht unbedingt die mangelnde Lust oder etwa ein Missverständnis, wie Vater meinte. Nein, der Kater hatte einfach etwas anderes zu tun, er musste die Neuankömmlinge beobachten und einschätzen und dabei hatte man ihn einfach nicht zu stören, das war unhöflich und auf seinem Hof völlig unakzeptabel.“

Die ganze Geschichte vom Wilden Kater gibt es als ebook hier: https://www.amazon.de/wilde-Kater-Wolfgang-Schwerdt-ebook/dp/B005HZJJB4
Oder als eine mehrerer liebevoll illustrierter Geschichten in Wolfgang Schwerdts Katzenbüchlein „Mit Katzenaugen“ https://www.amazon.de/Mit-Katzenaugen-Träumkatzen-Wilde-Kater/dp/1479108138

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